Die Intralogistik steht seit einigen Jahren unter enormem Innovationsdruck. Steigende Kundenanforderungen, volatile Märkte und der wachsende E-Commerce zwingen Unternehmen dazu, ihre Lager- und Materialflusssysteme immer effizienter, flexibler und transparenter zu gestalten. In diesem Kontext hat sich ein Begriff besonders hervorgetan: der digitale Zwilling. Er gilt als Schlüsseltechnologie der digitalen Transformation – doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass zwischen Theorie und Praxis oft noch eine Lücke klafft.

Um diese Lücke zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick auf die verschiedenen Entwicklungsstufen digitaler Repräsentationen: vom einfachen digitalen Modell über den Digital Shadow bis hin zum „echten“ digitalen Zwilling mit bidirektionalem Datenaustausch. Gerade letzterer ist in der Intralogistik bislang eher die Ausnahme als die Regel (und oftmals auch mehr Schein als Sein).

Vom statischen Abbild zur vernetzten Realität

Am Anfang steht das digitale Modell. Es bildet die Grundlage vieler Planungsprozesse und ist in der modernen Intralogistik sehr verbreitet. Dabei handelt es sich um eine virtuelle Repräsentation eines Systems – beispielsweise eines Lagers oder einer Fördertechnik – die meist in Form von CAD-Daten oder Simulationsmodellen vorliegt. Dieses Modell ist jedoch statisch. Es kennt keine Echtzeitdaten und hat keine Verbindung zur realen Anlage. Änderungen müssen manuell eingepflegt werden.

In der Praxis wird ein digitales Modell häufig in der frühen Projektphase eingesetzt. Ein Unternehmen plant etwa ein neues Distributionszentrum und erstellt zunächst ein Layout. Darauf aufbauend werden Materialflüsse definiert und erste Simulationen durchgeführt. Diese Simulationen helfen dabei, Engpässe zu identifizieren oder unterschiedliche Szenarien zu bewerten. Hier zeigt sich bereits die Stärke des digitalen Modells: Es ermöglicht das Simulieren von Systemverhalten unter kontrollierten Bedingungen. Allerdings bleibt es dabei immer eine vereinfachte Darstellung der Realität.

Der nächste Entwicklungsschritt ist der Digital Shadow. Hier beginnt die echte Digitalisierung im engeren Sinne. Sensoren, Steuerungen und IT-Systeme liefern kontinuierlich Daten aus der realen Anlage, die in das digitale Modell eingespeist werden. Dadurch entsteht ein aktuelles, datengetriebenes Abbild des Systems. Lagerbestände, Durchsatzraten oder Störungen können in nahezu Echtzeit visualisiert werden.

Diese Form der Abbildung ist in modernen Logistikzentren bereits Realität. Dashboards zeigen den aktuellen Zustand der Anlage, Engpässe werden sichtbar und Entscheidungen können datenbasiert getroffen werden. Dennoch bleibt der Digital Shadow in seiner Funktion begrenzt: Die Daten fließen nur in eine Richtung – von der Realität in das digitale Modell. Eine aktive Rückkopplung findet nicht statt.

Der „echte“ digitale Zwilling – Anspruch und Realität

Erst mit dem Digital Twin wird die Vision vollständig. Der entscheidende Unterschied liegt in der bidirektionalen Datenverbindung. Das bedeutet: Daten fließen nicht nur von der realen in die digitale Welt, sondern auch zurück. Das digitale Modell wird damit zu einem aktiven Steuerungsinstrument.

In der Theorie klingt das überzeugend. Ein digitaler Zwilling könnte beispielsweise verschiedene Strategien zur Auftragsabwicklung simulieren, die beste Variante auswählen und diese direkt in das reale System übertragen. Fördergeschwindigkeiten, Prioritäten oder Routen würden automatisch angepasst. Auch Predictive Maintenance wäre möglich: Der Zwilling erkennt frühzeitig Verschleißmuster und stößt Wartungsmaßnahmen an, bevor es zu einem Ausfall kommt.

In der Praxis jedoch ist genau dieser „echte“ digitale Zwilling mit bidirektionalem Datenaustausch noch vergleichsweise selten anzutreffen. Viele Unternehmen sprechen zwar von digitalen Zwillingen, nutzen aber tatsächlich eher Digital Shadows oder erweiterte Simulationen. Der Grund dafür liegt in der hohen Komplexität.

Ein bidirektionaler Zwilling erfordert eine nahtlose Integration verschiedenster Systeme: Lagerverwaltungssysteme (WMS), Materialflussrechner (MFR), Steuerungen (SPS), Sensorik und oft auch externe Datenquellen. Hinzu kommen Anforderungen an IT-Sicherheit, Datenqualität und Systemstabilität. Jede falsche Entscheidung, die vom digitalen Zwilling in die reale Anlage zurückgespielt wird, kann direkte Auswirkungen auf den Betrieb haben.

Deshalb findet man echte digitale Zwillinge heute vor allem in Pilotprojekten, hochautomatisierten Anlagen oder bei technologisch führenden Unternehmen. Sie sind eher Leuchtturmprojekte als flächendeckender Standard.

Simulation und Emulation als Schlüsseltechnologien

Um den Weg zum digitalen Zwilling zu verstehen, ist die Unterscheidung zwischen Simulation und Emulation entscheidend. Beide Konzepte spielen eine zentrale Rolle im Virtual Engineering.

Simulation bedeutet, ein System auf Basis von Modellen und Annahmen nachzubilden. Dabei geht es vor allem um das Durchspielen von Szenarien. Wie verändert sich der Durchsatz, wenn zusätzliche Kommissionierstationen hinzugefügt werden? Welche Auswirkungen hat eine veränderte Lagerstrategie? Simulationen sind besonders in der Planungsphase wertvoll, da sie schnelle und kostengünstige Analysen ermöglichen.

Emulation hingegen geht deutlich weiter. Hier wird versucht, das reale System möglichst exakt nachzubilden – inklusive Steuerungslogik. In der Intralogistik bedeutet das häufig, dass der tatsächliche SPS-Code in einer virtuellen Umgebung ausgeführt wird. Man spricht in diesem Zusammenhang oft von einer virtuellen Inbetriebnahme.

Diese Form der Emulation ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum digitalen Zwilling. Sie ermöglicht es, komplexe Anlagen bereits vor dem Bau zu testen und Fehler frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig schafft sie die Grundlage für eine spätere bidirektionale Kopplung, da das Verhalten des Systems bereits sehr genau bekannt ist.

Virtual Engineering und Immersive Engineering in der Praxis

Das Konzept des Virtual Engineering beschreibt die systematische Nutzung digitaler Modelle, Simulationen und Emulationen zur Planung und Optimierung technischer Systeme. In der Intralogistik ist es heute weit verbreitet. Neue Lager werden kaum noch ohne vorherige Simulation geplant.

Ein typisches Beispiel ist die Auslegung eines automatisierten Kleinteilelagers. Mithilfe von Simulationen werden verschiedene Layoutvarianten getestet, Fördertechniken dimensioniert und Strategien für die Ein- und Auslagerung entwickelt. Dadurch lassen sich Planungsfehler reduzieren und Investitionen absichern.

Ein relativ neuer Ansatz ist das Immersive Engineering. Hier werden Technologien wie Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) eingesetzt, um digitale Modelle erlebbar zu machen. Planer, Betreiber und sogar Kunden können ein virtuelles Lager betreten, Prozesse nachvollziehen und Entscheidungen intuitiver treffen.

In der Praxis wird dies beispielsweise für Schulungen genutzt. Mitarbeiter können Wartungsarbeiten in einer virtuellen Umgebung trainieren, ohne dass reale Anlagen stillgelegt werden müssen. Auch Sicherheitsaspekte lassen sich so besser vermitteln.

Praxisbeispiele aus der Intralogistik

Ein realistisches Bild ergibt sich, wenn man konkrete Anwendungen betrachtet. In vielen Logistikzentren beginnt die Digitalisierung mit einem digitalen Modell, das im Rahmen der Planung entsteht. Dieses Modell wird anschließend für Simulationen genutzt, um Materialflüsse zu optimieren.

Nach der Inbetriebnahme wird häufig ein Digital Shadow implementiert. Sensoren liefern Daten über Bestände, Bewegungen und Zustände. Diese Daten werden in Visualisierungssystemen dargestellt und ermöglichen eine transparente Überwachung des Betriebs.

Ein Beispiel ist ein großes E-Commerce-Distributionszentrum. Hier werden täglich tausende Aufträge abgewickelt. Ein Digital Shadow zeigt in Echtzeit, wie stark einzelne Bereiche ausgelastet sind. Engpässe können erkannt und kurzfristig Maßnahmen ergriffen werden – etwa durch Umverteilung von Personal.

Ein echter digitaler Zwilling würde in diesem Szenario noch einen Schritt weiter gehen. Er würde nicht nur anzeigen, dass ein Engpass entsteht, sondern eigenständig alternative Strategien berechnen und umsetzen. Genau diese Form der Autonomie ist jedoch bislang selten.

Ein weiteres Beispiel ist die virtuelle Inbetriebnahme eines Hochregallagers. Durch Emulation wird die Steuerungssoftware getestet, bevor die Anlage physisch existiert. Das reduziert Risiken und verkürzt die Anlaufphase erheblich. Auch hier zeigt sich: Viele Elemente des digitalen Zwillings sind bereits vorhanden, werden aber noch nicht vollständig integriert.

Vorteile und Grenzen der verschiedenen Ansätze

Die drei Konzepte – digitales Modell, Digital Shadow und digitaler Zwilling – bieten jeweils spezifische Vorteile.

Das digitale Modell überzeugt durch seine Einfachheit und geringe Kosten. Es ist ideal für die Planung, stößt jedoch im laufenden Betrieb schnell an Grenzen.

Der Digital Shadow bringt Transparenz in den Betrieb. Echtzeitdaten ermöglichen fundierte Entscheidungen und verbessern die Reaktionsfähigkeit. Allerdings fehlt die aktive Steuerungsmöglichkeit.

Der digitale Zwilling schließlich verspricht maximale Effizienz. Durch die bidirektionale Kopplung können Systeme optimiert, Prozesse automatisiert und Entscheidungen beschleunigt werden. Gleichzeitig ist er jedoch mit erheblichen Herausforderungen verbunden: hohe Kosten, komplexe Integration und Anforderungen an Datenqualität und IT-Sicherheit.

Gerade der bidirektionale Datenaustausch ist kritisch. Er erfordert ein hohes Maß an Vertrauen in die digitalen Systeme – und eine entsprechende Absicherung gegen Fehler.

Blick in die Zukunft

Die Entwicklung hin zum echten digitalen Zwilling wird sich in den kommenden Jahren weiter beschleunigen. Insbesondere die Integration von Künstlicher Intelligenz wird eine zentrale Rolle spielen. KI kann große Datenmengen analysieren, Muster erkennen und Optimierungspotenziale identifizieren.

Auch das Industrial IoT wird die Grundlage weiter stärken. Je mehr Geräte vernetzt sind, desto genauer wird das digitale Abbild der Realität. Gleichzeitig verbessern sich die Möglichkeiten zur Steuerung.

Immersive Technologien werden ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Die Kombination aus digitalem Zwilling und VR könnte dazu führen, dass Betreiber ihre Anlagen künftig in virtuellen Leitständen überwachen und steuern.

Langfristig ist sogar die Vision einer weitgehend autonomen Intralogistik realistisch. Systeme könnten sich selbst optimieren, Wartungen eigenständig planen und auf Veränderungen reagieren, ohne dass menschliches Eingreifen erforderlich ist.

Fazit

Digitale Zwillinge sind weit mehr als ein Buzzword – sie sind ein zentraler Baustein der digitalen Transformation in der Intralogistik. Allerdings ist es wichtig, die verschiedenen Reifegrade zu unterscheiden. Während digitale Modelle und Digital Shadows bereits weit verbreitet sind, bleibt der echte digitale Zwilling mit bidirektionalem Datenaustausch bislang die Ausnahme.

Die Technologie ist vorhanden, doch ihre Umsetzung erfordert erhebliche Investitionen, Know-how und eine durchdachte Strategie. Unternehmen, die diesen Weg gehen, können jedoch langfristig von erheblichen Effizienzgewinnen und Wettbewerbsvorteilen profitieren.

Die Zukunft der Intralogistik wird zunehmend digital, vernetzt und intelligent sein. Der digitale Zwilling spielt dabei eine bedeutende Rolle – auch wenn er heute noch häufiger Vision als gelebte Realität ist.

Eine interessante Podiumsdiskussion zum Thema fand auch auf der LogiMAT 2026 statt. Das Video dazu für alle Interessierten gibt es hier:

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