„Goliath 61“ ist ein Retrofit-Großprojekt der Hermes Fulfilment GmbH, das sich durch umfassende Technik- und Softwaremodernisierung auszeichnet. In diesem Interview sprechen wir mit Stefan Nießen, dem Betriebleiter des Standortes.

Das Interview ist Teil einer Reihe, in der wir mit den Beteiligten über das gemeinsame Projekt Goliath 61 in Haldensleben sprechen.

Was ist Ihre Position und Ihre Aufgabe im Unternehmen?

Mein Name ist Stefan Nießen und ich bin Betriebsleiter des Versandzentrums von Hermes Fulfilment (HF) in Haldensleben. Über unseren Standort in der Mitte Europas bringen wir auf das Jahr betrachtet über 120 Millionen Artikel auf ihren Weg.

Wann und wie sind Sie zum Projekt gestoßen?

Als sich abzeichnete, dass die 30 Jahre alte Technik an ihre Grenzen gekommen war, begann das Projekt. Daran beteiligt war ich von Beginn an.

Was war Ihre Erwartungshaltung an die Zusammenarbeit?

Sehr hoch, da das Hochregallager der Dreh- und Angelpunkt für mehrere Standorte sowie für OTTO und Bonprix ist und in Sechs-Tage-Wochen am offenen Herzen operiert werden musste.

Portraitbild des Betriebsleiters des Hermes-Versandzentrums Stefan Nießen in Haldensleben. Vor einem grauen Hintergrund lächelt er mit verschränkten Armen in die Kamera. Er trägt ein anthrazitfarbenes Jacket und ein weißes Hemd. Bildrechte: Hermes Fulfilment
Stefan Nießen ist seit dem 1. September 2019 Betriebsleiter des Hermes-Versandzentrums in Haldensleben. Bildrechte: Hermes Fulfilment

Wie ist der aktuelle Stand im Projekt Goliath 61?

Im Augenblick haben wir fünf Regalbediengeräte (RBG) eingebracht und in Betrieb. Wie der Projektname verrät, handelt es sich insgesamt um 61 RBGs. Bis zum Ziel müssen wir also noch einiges an Strecke zurücklegen: Es muss entsprechend ausgelagert und Raum geschaffen werden, ohne den laufenden Betrieb mehr als nötig zu beeinträchtigen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen Hermes Fulfilment und dem Software-Partner TUP?

„Geräuschlos“ wäre da ein Begriff, den ich verwenden würde; was auch ein Resultat der dreißigjährigen Zusammenarbeit ist. Die Ansprechpartner auf beiden Seiten kennen sich und wissen, welches Thema wo platziert werden muss. Das ist für uns von enormer Bedeutung, denn unser Betrieb läuft rund um die Uhr. Wenn wir also Unterstützung brauchen, sind Geschwindigkeit und Fachwissen über die alten und neuen Gewerke enorm wichtig.

Die direkte Zusammenarbeit mit TUP liegt in den Projektteams. Ich verantworte den laufenden Betrieb und habe daher weniger häufig Berührungspunkte. Wenn in der operativen Lagerarbeit aber Anforderungen anfallen und ich diese an TUP weitergebe, werden sie schnell umgesetzt.

Wie würden Sie die Kommunikation zwischen Ihrem Unternehmen und TUP bewerten?

Ähnlich wie die Zusammenarbeit: „geräuschlos“ im positiven Sinne. Es gibt wenig Reibung und es verläuft lösungsorientiert.

Welche Vorteile sehen Sie in den eingesetzten Lösungen aus Ihrer Fachperspektive?

Aus der Softwareperspektive ist einer der zentralen Vorteile der Sprung in die aktuellen IT-Standards. Gerade in diesem Bereich sind zehn Jahre ein regelrechter Generationensprung. Die Unterschiede zwischen einer aktuellen Software und einer aus den Neunzigern sind in jederlei Hinsicht enorm. Das macht sich für uns vor allem in besseren und individuell angepassten Nutzeroberflächen bemerkbar.

Bei der Hardware war es so, dass es höchste Zeit für eine Erneuerung war. Die alten Regalbediengeräte sind sehr schwere Stahlkonstruktionen, die auch noch mit anderen Anforderungen gebaut wurden, als wir sie jetzt im E-Commerce haben. Die neuen Stöcklin-Lösungen sind leichter, schneller und besser zu warten. Ausgangssituation des Projektes war außerdem, dass wir 39 Geräte mit acht Umsetzern in unseren 61 Gassen hatten. Am Ende des Projekts wird der zentrale Vorteil sein, dass jede Gasse ihr eigenes Regalbediengerät hat. So können wir uns die zeitraubenden Umsetzungsprozesse sparen, die im Augenblick noch notwendig sind.

Wie sehen Sie speziell für die Logistikbranche das Thema Retrofit?

Retrofit ist für uns ein zentrales Thema und wir haben dort neben Goliath 61 einige weitere Projekte laufen, die von weiterer Digitalisierung bis hin zur Robotik in Kooperation mit Boston Dynamics reichen. Unsere Treiber sind Geschwindigkeit und Liefertreue, die im E-Commerce von zentraler Bedeutung sind, aber auch langfristige Aspekte, wie der demografische Wandel. Daher versuchen wir vor allem repetitive und körperlich anstrengende Tätigkeiten zu automatisieren, sei es das Füllen eines Kollis mit Artikeln oder das Entladen eines Seecontainers. Für letzteres setzen wir beispielsweise den Roboter Stretch ein. Ein Lager wie Haldensleben manuell zu betreiben, wäre schlicht und ergreifend nicht wirtschaftlich.

Ich glaube, dass Retrofits enorm wichtig sind und wir als Unternehmen uns nicht auf bestehender Technik ausruhen können, sondern immer wieder ökonomisch sinnvolle Verbesserungen und Innovationen erkennen und umsetzen müssen, sonst werden wir am Markt nicht bestehen.

Was waren aus Ihrer Perspektive besondere Meilensteine oder Lösungsansätze, die während des Projekts gemeinsam entwickelt wurden?

Eine Besonderheit war, dass wir die Software vor dem Einbringen der neuen Hardware in Betrieb genommen haben. Das fand bereits 2025 statt und brachte für uns vor allem in der Steuerung der Regalbediengeräte bereits einen merklichen Fortschritt mit sich. So konnten wir die alte Welt besser steuern und waren auf die neue direkt vorbereitet. Auf dieser Basis konnten wir dann auch mit dem ersten neuen Stöcklin-Regalbediengerät im Rahmen eines Pilotprojekts wertvolle Erfahrungen sammeln.

Was war der Soll-Zustand und wie hat sich der Ist-Zustand entwickelt?

Im Augenblick haben wir, wie eingangs erwähnt, noch einen weiten Weg vor uns. Doch die bisherige Entwicklung ist vielversprechend, trotz der hohen Komplexität des Projekts.

Wie haben Sie die Umsetzung der bisherigen Migrationsphasen wahrgenommen?
Alle Beteiligten haben viel dazu beigetragen, das Projekt über viele Monate so zu strukturieren, dass die sehr begrenzten Zeitfenster außerhalb des laufenden Betriebs ideal genutzt wurden. Wir haben 1,2 Millionen Stellplätze, die über 90% belegt sind. Alles muss „on the fly“ passieren und das hat im Großen und Ganzen auch sehr gut funktioniert.

Welche Regalbediengeräte werden in Haldensleben installiert?

Die neuen Stöcklin-Geräte sind speziell für unsere Anforderungen und auch die bestehenden Abmessungen entworfen worden. Sie sind leichter, schneller, und wartungsfreundlicher. Das ist eine enorme Aufwertung des Hochregallagers, durch das in Haldensleben jeder Prozess läuft.


Welche Vorteile bietet die neue Technik für den Anwender?

Sowohl auf Hardware- als auch auf Softwareseite ist es ein Quantensprung. Durch die 61 Geräte können wir nicht nur in Zukunft die Lagerplätze viel besser ansteuern, auch die Resilienz des ganzen Standortes wird sich dadurch enorm verbessern. Neben dieser gesteigerten Leistungsfähigkeit und Ausfallsicherheit erwarten wir uns zusätzlich Kosteneinsparungen durch weniger Wartung und eine verbesserte Energieeffizienz.

Welche Herausforderungen galt und gilt es beim Einbau weiterer Regalbediengeräte am Standort Haldensleben zu bewältigen?

Durch die Konstruktion der Halle müssen wir mit den vorhandenen Wechseln des Stahlgerüsts arbeiten und können nicht einfach hier oder da einen Träger entfernen, um neue Technik zu integrieren. Auch die Einbringung an sich muss immer so geplant werden, dass sie so wenig Einfluss auf das operative Geschäft wie möglich hat. Das erfordert ein reibungsloses Zusammenspiel aller Beteiligten: Die Bestellungen häufen sich bei uns zu den E-Commerce-Peaks im Frühjahr und Herbst/Winter, aber es kann eben auch zu kurzfristigen Bestellspitzen kommen, wenn beispielsweise der erste Schnee fällt. Unser Anspruch ist dabei immer, dass die Kund*innen ein reibungsloses digitales Einkaufserlebnis haben. Das bedeutet, die Tagesmenge muss bewältigt und die Cut-offs müssen eingehalten werden.

Froschperspektive des Hochregallagers am Hermes-Fulfilment-Standort Haldensleben. Es sind mehrere durchnummierte Hochregallager sowie die Hallendecke zu sehen. In den Regal befinden sich zahlreiche Kartons. Durch die Oberlichter der Halle fällt Tageslicht in die Halle.
Ein Blick ins Hochregallager des Standortes Haldensleben. Bildrechte: Stöcklin Logistik AG.

Wie ordnen sie das Projekt Goliath 61 im Vergleich zu anderen Intralogistik-Projekten an Standorten innerhalb der Otto-Group ein?

Mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag ist es für den Standort das größte Projekt der letzten zehn Jahre. Auch im Vergleich mit anderen Projekten der Otto-Group und jenseits der aktuellen Investitionen muss sich der Standort nicht verstecken: Die Größe, der Grad der Automatisierung und die Tatsache, dass wir Wareneingang, Kommissionierung, Versand und einen Verladesorter unter einem Dach haben, macht uns zu einem der leistungsstärksten Logistikzentren Europas.

Wie ist ihr Blick auf die Wandlungsfähigkeit der deutschen Logistik?

Ich denke, dass wir durch unseren Willen zur Veränderung, der durch die Investitionsbereitschaft der Otto-Group mitgetragen wird, sehr gut aufgestellt sind. Wir haben einen sehr pragmatischen Blick darauf, was zu uns passt und wo ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis existiert.

Welche Trends sehen Sie aktuell in der Intralogistik und wie beurteilen sie diese?

Trends gibt es viele, genauso wie Anbieter neuer Technologien. Da wir nicht auf einer grünen Wiese starten, geben bei uns die bestehenden Prozesse die Richtung vor. Eine zentrale Frage für uns ist daher auch immer, ob uns in diesen Bereichen kompetente Anbieter zur Verfügung stehen, mit denen wir ein Projekt unter rollendem Rad umsetzen können.

Wohin geht für Sie der weitere Weg?

Ich werde weiterhin als Betriebsleiter in Haldensleben aktiv sein und dort neben dem Tagesgeschäft auch Projekte wie Goliath 61 begleiten.

Vielen Dank für das Interview!

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