Fläche war in der Logistik lange vor allem eine Kostenfrage; in den Städten wird sie zur strategischen Ressource. Micro Fulfillment, vertikale Lager und automatisierte Mikro-Hubs zeigen, wie sich dadurch die Architektur der Intralogistik verändert und was moderne urbane Logistik tatsächlich bedeutet. Ein Paket, das heute bestellt wird, soll möglichst morgen, heute oder im Idealfall in wenigen Stunden beim Kunden sein. Was aus Sicht des Konsumenten nach einer Frage von Geschwindigkeit aussieht, ist aus logistischer Perspektive vor allem eine Frage des Standorts.

Denn Geschwindigkeit lässt sich nicht beliebig automatisieren.

Ein hochautomatisiertes Distributionszentrum kann Waren mit beeindruckender Effizienz lagern, kommissionieren und sortieren. Liegt es jedoch 100 oder 150 Kilometer vom eigentlichen Nachfragezentrum entfernt, beginnt nach der Kommissionierung das Problem der letzten Meile. Fahrzeuge müssen in Städte fahren, Verkehrsflächen nutzen und Zeit im urbanen Verkehr verbringen. Gleichzeitig wird genau die Fläche knapp, die benötigt würde, um Lager näher an die Kunden zu bringen. Wohnraum, Gewerbe, Verkehr, Energieversorgung, Grünflächen und Logistik konkurrieren in wachsenden Städten um denselben Raum. Die klassische Antwort der Logistik – größere Hallen an möglichst günstigen Standorten – stößt damit an eine Grenze. Die Konsequenz ist bemerkenswert:

Das Lager kommt zurück in die Stadt. Aber es kommt nicht als klassische Lagerhalle zurück.

Es kommt vertikal, automatisiert, modular und datengetrieben.

Auf einen Blick: 5 Entwicklungen, die urbane Intralogistik prägen

  1. Micro Fulfillment Center
    Kompakte, automatisierte Lager direkt im oder nahe am urbanen Nachfragezentrum verkürzen Wege und ermöglichen kurze Lieferzeiten – insbesondere für schnell drehende Artikel.
  2. Vertikale Lagerung
    Wenn Grundstücksflächen knapp und teuer sind, wird die Höhe zur entscheidenden Ressource. Automatisierte Hochregal-, Shuttle- und Cube-Systeme erhöhen die Lagerdichte, ohne die Grundfläche proportional zu vergrößern.
  3. Automatisierung auf kleinstem Raum
    AMR, kompakte Shuttle-Systeme und automatisierte Kommissionierung machen hohe Durchsätze auch auf begrenzter Fläche möglich. Gleichzeitig steigt die Bedeutung modularer und skalierbarer Lösungen.
  4. Dezentrale Logistiknetzwerke
    Statt eines einzigen zentralen Warenbestands entstehen zunehmend Netzwerke aus Zentrallagern, regionalen Standorten, MFCs und Mikrodepots. Jeder Standort übernimmt dabei eine spezifische Funktion.
  5. Fläche wird zur strategischen Ressource
    Nicht allein die Kosten pro Quadratmeter entscheiden über die Wirtschaftlichkeit eines Standorts. Entscheidend ist zunehmend, welchen Beitrag die Fläche zum gesamten Logistiknetzwerk leistet – etwa durch kürzere Transportwege, schnellere Lieferungen oder eine bessere lokale Verfügbarkeit.

Das Ende der Logistik am Stadtrand?

Das klassische Distributionsmodell hat einen offensichtlichen Vorteil: Zentralisierung schafft Skaleneffekte. Große Lager verfügen über hohe Kapazitäten, spezialisierte Automatisierung und effiziente Materialflüsse. Bestände lassen sich bündeln, Prozesse standardisieren und Personal beziehungsweise Technik besser auslasten. Doch Zentralisierung hat eine Kehrseite.

Je weiter ein Lager vom Kunden entfernt liegt, desto länger wird der nachgelagerte Transportweg. Für traditionelle B2B-Lieferketten kann das akzeptabel sein. Bei zeitkritischen B2C-Bestellungen, Lebensmitteln oder Produkten des täglichen Bedarfs gewinnt die räumliche Nähe dagegen erheblich an Bedeutung. Damit verschiebt sich die Optimierungsaufgabe. Die Frage lautet nicht mehr nur:

Wie günstig kann ein einzelner Auftrag im Lager bearbeitet werden?

Sondern:

Wie lässt sich der gesamte Weg vom Bestand bis zum Kunden optimieren?

Das ist ein grundlegender Perspektivwechsel. Intralogistik und Transportlogistik lassen sich weniger klar voneinander trennen. Der Standort des Lagers beeinflusst unmittelbar die Kosten und Leistungsfähigkeit der letzten Meile. Ein etwas teurerer Lagerplatz kann deshalb wirtschaftlich sinnvoll sein, wenn er dafür erhebliche Transportstrecken, Lieferzeit oder Fahrzeugbewegungen einspart. Die Quadratmeterkosten werden Teil einer wesentlich größeren Rechnung.

Micro Fulfillment: Das Lager wird zum urbanen Knotenpunkt

Ein besonders deutliches Beispiel dafür sind Micro Fulfillment Center (MFC). Ihr Grundprinzip ist einfach: Ein begrenztes Sortiment wird möglichst nah am Nachfragezentrum gelagert und automatisiert für die Auslieferung bereitgestellt. Das MFC muss dabei nicht die Funktion eines klassischen Zentrallagers übernehmen. Im Gegenteil: Seine Stärke liegt gerade in der Spezialisierung.

Artikel mit hoher Nachfrage und hoher Umschlagshäufigkeit können dezentral vorgehalten werden. Das Zentrallager übernimmt weiterhin die Versorgung des Gesamtnetzwerks und führt das breite Sortiment. Das MFC fungiert als lokaler Beschleuniger. Technisch ist das interessant, weil auf kleinem Raum hohe Durchsätze erzielt werden müssen.

Kompakte Shuttle-Systeme können beispielsweise Behälter oder Kartons in dicht belegten Regalanlagen ein- und auslagern. Autonome mobile Roboter (AMR) können Waren oder Regale zu Arbeitsplätzen transportieren. Automatisierte Kommissionierlösungen reduzieren manuelle Wege. Ein Warehouse Management System (WMS) verwaltet Bestände und Aufträge, während ein Warehouse Execution System (WES) die operativen Abläufe und Ressourcen zunehmend dynamisch koordiniert. Die eigentliche Herausforderung besteht dabei nicht darin, möglichst viel Technik in ein kleines Gebäude zu stellen.

Die Herausforderung besteht darin, möglichst viel logistische Leistung pro Quadratmeter zu erzeugen.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein hochautomatisiertes System kann eine enorme Lagerdichte erreichen und trotzdem ineffizient sein, wenn Zugriffszeiten, Umlagerungen oder Schnittstellen schlecht ausgelegt sind. Entscheidend ist deshalb das Zusammenspiel von Lagerdichte, Durchsatz, Verfügbarkeit und Energiebedarf.

Vertikale Lager: Die dritte Dimension wird wichtiger

Wenn die Grundfläche knapp ist, liegt eine Lösung nahe: nach oben bauen. Vertikale Lager sind zwar kein neues Konzept; Hochregallager gehören seit Jahrzehnten zum Instrumentarium der Intralogistik. Neu ist jedoch, dass das Prinzip zunehmend dort relevant wird, wo Grundstücke besonders teuer und knapp sind – also in oder nahe urbanen Räumen.

Dabei entsteht ein interessantes Spannungsfeld zwischen Lagerdichte und Zugriffsleistung.

Eine möglichst kompakte Lagerung reduziert den Flächenbedarf. Gleichzeitig muss das System die benötigten Artikel schnell und zuverlässig bereitstellen können. Je höher die Anlage, desto stärker spielen zudem bauliche, statische, brandschutztechnische und energetische Aspekte eine Rolle.

Automatisierung kann diese Zielkonflikte entschärfen.

Moderne Regalbediengeräte, Shuttle-Systeme und andere automatisierte Lagertechnik können große Höhen nutzen und gleichzeitig definierte Durchsatzleistungen erzielen. Dynamische Lagerstrategien sorgen dafür, dass häufig benötigte Artikel möglichst effizient positioniert werden. Hier zeigt sich eine grundlegende Veränderung der Intralogistik:

Die Optimierung findet nicht mehr nur horizontal statt.

Sie wird dreidimensional und zunehmend algorithmisch.

Automatisierung wird kompakter – und intelligenter

Die Automatisierung der Vergangenheit war häufig auf große, klar definierte Materialflüsse ausgelegt. Fördertechnik verband stationäre Prozesse, Regalbediengeräte bedienten feste Gassen, Sortieranlagen verarbeiteten große Mengen standardisierter Sendungen. Urbane Logistik stellt aber andere Anforderungen: Das Sortiment kann heterogener sein. Die Nachfrage schwankt stärker. Flächen sind kleiner. Erweiterungen müssen möglich sein. Und die Infrastruktur des Gebäudes lässt sich häufig nicht beliebig an eine neue Logistikanlage anpassen.

Damit gewinnen modulare Automatisierungskonzepte an Bedeutung.

Mobile Robotik ist hierfür ein gutes Beispiel. AMR können ihre Fahrwege dynamisch anpassen und lassen sich bei Veränderungen der Lagerstruktur anders einsetzen als fest installierte Fördertechnik. Das macht sie insbesondere für kleinere und sich wandelnde Standorte interessant. Auch bei stationären Systemen steigt der Bedarf an Flexibilität. Ein MFC, das heute 10.000 Auftragspositionen verarbeitet, sollte nicht zwingend komplett neu gebaut werden müssen, wenn sich das Auftragsvolumen oder das Sortiment verändert.

Skalierbarkeit wird damit zu einer technischen Kernanforderung. Die entscheidende Kennzahl lautet folglich nicht immer „maximaler Durchsatz“. Manchmal ist die wichtigere Frage:

Wie schnell kann das System auf veränderte Anforderungen reagieren?

WMS, WES und KI: Die Fläche wird digital

Je stärker sich Lagerstrukturen dezentralisieren, desto wichtiger wird die digitale Vernetzung. In einem einzigen großen Distributionszentrum kann die Steuerung bereits komplex sein. In einem Netzwerk aus Zentrallager, Regionallagern, Micro Fulfillment Centern und Mikrodepots wird sie zu einer noch anspruchsvolleren Aufgabe.

  • Wo liegt welcher Bestand?
  • Welche Bestellung wird aus welchem Standort bedient?
  • Wann lohnt sich eine Umlagerung?
  • Welcher Artikel sollte dezentral bevorratet werden?

Und wie verändert sich die Antwort, wenn sich die Nachfrage innerhalb weniger Stunden verschiebt?

Ein modernes WMS bildet dabei die Bestände und logistischen Prozesse ab. Das WES kann die operative Ausführung optimieren und Ressourcen wie Roboter, Fördertechnik oder Arbeitsplätze koordinieren. Darüber hinaus können datenbasierte Verfahren und KI-gestützte Prognosen helfen, Nachfrageentwicklungen besser vorherzusagen und Bestände gezielter zu verteilen. Damit entsteht eine interessante Umkehrung:

Je weniger physische Fläche zur Verfügung steht, desto wichtiger wird die Qualität der digitalen Steuerung.

Denn in einem kleinen Lager ist jeder Fehlgriff teuer. Ein falsch positionierter Bestand, eine unnötige Umlagerung oder ein schlecht priorisierter Auftrag kann unmittelbar Kapazität und Durchsatz kosten. Daten werden damit zu einer Art virtueller Erweiterung der physischen Fläche.

Die Renaissance des kleinen Lagers

Jahrzehntelang galt „größer“ in vielen Bereichen als Synonym für „effizienter“. Das ist nachvollziehbar. Große Anlagen bieten Skaleneffekte. Automatisierung lässt sich wirtschaftlich einsetzen, Prozesse können gebündelt werden und Fixkosten verteilen sich auf größere Mengen. Doch diese Logik berücksichtigt nicht automatisch die Kosten der räumlichen Distanz.

Ein kleines Lager mitten im urbanen Raum ist pro Quadratmeter möglicherweise erheblich teurer als ein Logistikzentrum auf der grünen Wiese. Es kann trotzdem wirtschaftlich sinnvoll sein, wenn es dadurch tausende oder Millionen Transportkilometer innerhalb eines Netzwerks beeinflusst.

Damit bekommt der kleine Standort eine neue Rolle: Er muss nicht alles können – er muss am richtigen Punkt die richtige Aufgabe übernehmen.

Das kann die Bereitstellung besonders schnell drehender Artikel sein. Die Versorgung einer Filialstruktur. Die Zwischenlagerung für die letzte Meile. Die Bearbeitung von Retouren. Oder die Bündelung verschiedener Warenströme für einen bestimmten Stadtteil. Das klassische Lager wird dadurch zum Baustein eines größeren Systems.

City-Logistik: Wo Intralogistik und letzte Meile verschmelzen

Noch deutlicher wird die Entwicklung bei urbanen Logistikhubs. Ein Mikrohub kann gleichzeitig Lager, Umschlagspunkt und Ausgangsbasis für die letzte Meile sein. Waren werden dort gebündelt, sortiert und anschließend mit geeigneten Fahrzeugen weiterverteilt. In dicht besiedelten Gebieten können beispielsweise kleinere Elektrofahrzeuge oder Lastenräder eingesetzt werden. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Fahrzeug als die Frage, wie Warenströme vor der letzten Meile strukturiert werden. Das verändert auch die Anforderungen an die Intralogistik.

Waren müssen möglicherweise mehrfach umgeschlagen werden. Zeitfenster werden enger. Sendungen müssen nach Touren, Gebieten oder Zustellprioritäten sortiert werden. Gleichzeitig steht nur eine begrenzte Fläche zur Verfügung. Ein urbaner Logistikstandort muss deshalb nicht nur lagern – er muss sortieren, puffern, konsolidieren und disponieren. Die Grenze zwischen Lager und Transport verschwimmt.

Die Stadt wird selbst zur Logistikinfrastruktur

Diese Entwicklung hat eine Dimension, die über Technik und Wirtschaftlichkeit hinausgeht. Logistikflächen waren traditionell möglichst unsichtbar. Große Lager entstanden dort, wo Gewerbeflächen verfügbar waren, während die Stadt möglichst wenig davon mitbekommen sollte. Das funktioniert immer schlechter.

Mit wachsendem Onlinehandel, Same-Day-Lieferungen und steigender Lieferfrequenz wird Logistik zu einem sichtbaren Bestandteil des urbanen Lebens:

  • Lieferfahrzeuge benötigen Straßenraum.
  • Paketstationen benötigen Standorte.
  • Mikrodepots benötigen Flächen.
  • Geschäfte werden zu Abholpunkten.

Die Stadt wird damit selbst zu einem Teil der Logistikinfrastruktur; und das wirft politische Fragen auf:

  • Wie viel Fläche soll eine Stadt für Logistik bereitstellen?
  • Wie lassen sich Logistik, Wohnen und Gewerbe kombinieren?
  • Können Parkhäuser, ehemalige Einzelhandelsflächen oder andere Gebäude temporär oder dauerhaft logistisch genutzt werden?
  • Und wie verhindert man, dass zusätzliche Logistikflächen zwar Lieferzeiten reduzieren, gleichzeitig aber die Lebensqualität verschlechtern?

Eine Antwort könnte in multifunktionalen Flächen liegen.

Ein Gebäude muss nicht zwangsläufig ausschließlich Lager sein. Flächen könnten je nach Tageszeit oder Nutzung unterschiedliche Funktionen übernehmen. Auch die Integration von Logistik in bestehende Gebäude wird dadurch interessanter. Damit wird Stadtplanung zunehmend auch zu Logistikplanung.

Nicht jede Dezentralisierung ist automatisch nachhaltig

Bei aller Euphorie über urbane Logistik lohnt sich allerdings ein kritischer Blick. Mehr Lager in der Stadt bedeutet nicht automatisch weniger Umweltbelastung. Ein zusätzliches Gebäude benötigt Energie, Ressourcen und Infrastruktur. Mehrere kleine Standorte können höhere Betriebskosten verursachen als ein zentraler Standort. Auch die dezentrale Bevorratung erhöht unter Umständen die Bestände. Deshalb muss die Gesamtbilanz betrachtet werden.

Ein sinnvoller Vergleich berücksichtigt beispielsweise:

  • Flächenverbrauch pro logistischer Leistung
  • Energieverbrauch pro Auftrag
  • Transportkilometer
  • Fahrzeugauslastung
  • Bestand und Kapitalbindung
  • Durchsatz und Servicegrad
  • Automatisierungs- und Personalkosten
  • Lieferzeit
  • Retouren und Fehlfahrten
  • Skalierbarkeit des Systems

Erst daraus ergibt sich, ob die Dezentralisierung tatsächlich einen Vorteil erzeugt. Das ist auch für die Nachhaltigkeitsdebatte relevant. Der kürzeste physische Weg ist nicht automatisch der ökologischste. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Lagerung, Energie, Transport und Auslastung.

Welche Kennzahlen für urbane Lager künftig zählen

Die Bewertung eines urbanen Logistikstandorts lässt sich nicht auf die klassische Kennzahl „Kosten pro Lagerplatz“ reduzieren. Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren:

Kennzahl Warum sie an Bedeutung gewinnt
Lagerdichte Zeigt, wie viel Bestand auf der verfügbaren Grundfläche untergebracht werden kann.
Durchsatz pro m² Setzt die tatsächlich erbrachte logistische Leistung ins Verhältnis zur knappen Fläche.
Auftragsdurchlaufzeit Entscheidend für Same-Day- und zeitkritische Liefermodelle.
Bestandsreichweite Hilft zu bestimmen, wie viel Bestand dezentral vorgehalten werden muss.
Transportkilometer Macht sichtbar, welchen Einfluss ein Standort auf die letzte Meile und das Gesamtnetzwerk hat.
Energieverbrauch pro Auftrag Wird bei stark automatisierten und klimatisierten urbanen Standorten wichtiger.
Automatisierungsgrad Beschreibt nicht nur Personaleinsparungen, sondern auch die mögliche Nutzung knapper Flächen.
Flexibilität Zeigt, wie schnell sich Kapazität, Sortiment oder Prozesse an veränderte Nachfrage anpassen lassen.

Die zentrale Kennzahl könnte künftig deshalb lauten: logistische Leistung pro Quadratmeter und pro Standort.

Sie verbindet die physische Knappheit der Fläche mit der eigentlichen Aufgabe des Lagers: Waren möglichst schnell, zuverlässig und wirtschaftlich durch das Netzwerk zu bewegen.

Von der Kostenstelle zur strategischen Ressource

Damit verändert sich die Bedeutung von Fläche grundlegend. Ein Quadratmeter in einem Gewerbegebiet und ein Quadratmeter in einem innerstädtischen Quartier erfüllen nicht dieselbe logistische Funktion.

Der Wert einer Fläche ergibt sich zunehmend aus ihrer Position im Netzwerk.

Ein kleiner Standort kann beispielsweise besonders wertvoll sein, wenn er ein dicht besiedeltes Gebiet innerhalb eines kurzen Zeitfensters versorgen kann. Seine Bedeutung lässt sich dann nicht allein über Kosten pro Quadratmeter beurteilen. Das führt zu einer neuen Kennzahlendimension. Neben Lagerkosten, Stellplatzdichte und Durchsatz müssen Unternehmen zunehmend fragen:

Welche Wirkung hat dieser Standort auf das gesamte Netzwerk?

  • Wie viele Kilometer spart er?
  • Welche Lieferzeiten ermöglicht er?
  • Welche Bestände werden durch ihn notwendig oder überflüssig?
  • Welche Fahrzeugbewegungen verändert er?
  • Wie gut kann er auf Nachfrageschwankungen reagieren?

Fläche wird damit vom reinen Produktionsfaktor zum strategischen Asset.

Die Intralogistik der Zukunft ist hybrid

Was bedeutet das für die Lagerlandschaft der kommenden Jahre? Wahrscheinlich nicht das Ende großer Logistikzentren; vielmehr entsteht ein hybrides Netzwerk.

Zentrale Distributionszentren werden weiterhin große Sortimente effizient bündeln. Regionale Lager übernehmen die Versorgung größerer Gebiete. Micro Fulfillment Center bringen besonders relevante Waren näher an die Nachfrage. Mikrodepots strukturieren die letzte Meile. Die einzelnen Ebenen müssen dabei digital miteinander verbunden sein.

Ein Auftrag darf nicht deshalb aus einem urbanen MFC bedient werden, weil dort zufällig Bestand liegt. Das System muss entscheiden können, welcher Standort unter Berücksichtigung von Bestand, Entfernung, Lieferzeit, Kapazität und Kosten die optimale Quelle darstellt. Das ist eine deutlich komplexere Aufgabe als die klassische Lageroptimierung. Die Intralogistik wird damit vom Standortdenken zum Netzwerkdenken geführt.

Was kommt nach der großen Halle?

Die große Logistikhalle wird nicht verschwinden, denn dafür sind ihre Skaleneffekte zu wertvoll. Aber sie bekommt Gesellschaft: Kleinere, automatisierte und strategisch positionierte Lager werden dort interessant, wo Nähe zum Kunden einen höheren Wert besitzt als maximale Zentralisierung. Vertikale Systeme werden die dritte Dimension intensiver nutzen. Mobile Robotik wird Flexibilität in kleinere Flächen bringen. WMS und WES werden nicht mehr nur einzelne Anlagen steuern, sondern zunehmend Teil eines vernetzten Logistiksystems sein. Und die Stadt wird dabei vom bloßen Ziel der Lieferkette zum aktiven Bestandteil der Infrastruktur. Die eigentliche Zukunftsfrage lautet deshalb nicht:

Wie bauen wir noch größere Lager?

Sie lautet:

Wie verteilen wir logistische Kapazität so, dass jeder Quadratmeter, jeder Roboter und jeder Transportkilometer möglichst viel Wert für das Gesamtsystem erzeugt?

Das ist mehr als eine technische Herausforderung. Es ist eine Frage der Stadtentwicklung, der Nachhaltigkeit und der wirtschaftlichen Resilienz. Denn wenn Fläche knapp wird, lässt sich Logistik nicht mehr einfach durch Wachstum lösen. Sie muss präziser werden. Vielleicht liegt genau darin die überraschende Renaissance der kleinen Lager. Sie stehen nicht für eine Rückkehr zur Vergangenheit, sondern für einen neuen Typ von Intralogistik: kleiner in der Fläche, dichter in der Technologie und größer in ihrer Bedeutung für das Gesamtnetzwerk.

Die Zukunft der Logistik könnte damit paradoxerweise weniger von der Frage bestimmt werden, wie viel Fläche ein Unternehmen besitzt – und stärker davon, wo diese Fläche liegt, wie intelligent sie genutzt wird und wie gut sie mit den anderen Flächen des Netzwerks zusammenspielt.

Welche Automatisierung passt zum urbanen Lager?

Technologie Stärke Besonders interessant für
Shuttle-Systeme Hohe Lagerdichte und schneller Zugriff auf Behälter oder Kartons MFC, E-Commerce, Kleinteile
AMR (Autonomous Mobile Robots) Flexibel, skalierbar und vergleichsweise einfach an veränderte Layouts anpassbar Dynamische Lager, Kommissionierung
Automatisierte Regalbediengeräte Hohe Präzision und zuverlässiger Betrieb bei großen Höhen Vertikale Lager, Paletten- und Behälterlager
Cube Storage Sehr hohe Raumausnutzung durch dreidimensionale Lagerung Hohe Auftragsdichte auf begrenzter Grundfläche
Automatisierte Kommissionierung Reduziert manuelle Wege und kann Prozesse beschleunigen Schnell drehende Artikel und zeitkritische Aufträge
WMS/WES Vernetzung, Priorisierung und Optimierung der physischen Prozesse Praktisch jedes komplexe urbane Automatisierungskonzept

Entscheidend ist nicht die Technologie allein. Erst die Kombination aus Gebäude, Sortiment, Auftragsprofil, gewünschtem Durchsatz und verfügbarer Fläche bestimmt, welches System wirtschaftlich sinnvoll ist.

Oder anders gefragt: Welche logistische Leistung können wir an diesem Ort erbringen?

Diese Perspektive ist entscheidend. Denn die knappe Ressource der urbanen Zukunft ist nicht nur Lagerkapazität. Es ist der Raum zwischen Lieferzentrum, Verkehrsinfrastruktur, Unternehmen und Kunde. Die Rückkehr der Fläche bedeutet deshalb nicht, dass Logistik wieder mehr Platz beansprucht. Sie bedeutet, dass der richtige Quadratmeter am richtigen Ort wieder zum zentralen Bestandteil logistischer Strategie wird. Und genau darin liegt eine der spannendsten Entwicklungen der Intralogistik:

Die Zukunft des Lagers entscheidet sich möglicherweise nicht mehr allein innerhalb seiner vier Wände, sondern an seiner Position im urbanen Gefüge.

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