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Systemarchitektur: auf der Zielgeraden zur „schaltschranklosen Fabrik“

Prof. Dr. Frank Thomas im Gespräch über eine zukunftsweisende Systemarchitektur für die Intralogistik. Dabei geht Thomas speziell auf die SAIL-Richtline ein, die eine anbieterübergreifende Harmonisierung garantiert. Sein Ziel ist es, in naher Zukunft die „schaltschranklose Fabrik“ zu realisieren. Das Interview lesen Sie im Folgenden.

Herr Prof. Dr. Thomas, welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Ihre Vision der schaltschranklosen Fabrik Realität wird?

Den Grundstein für dieses Vorhaben legt die Standardisierung von Funktionskomponenten nach der SAIL-Richtlinie, die in Kooperation mit VDI und VDMA entstand. Diese Architekturempfehlung für Intralogistiksysteme (SAIL-Richtline VDI/VDMA 5100) ermöglicht eine reibungslose Integration unterschiedlicher Gewerke durch eine anbieterübergreifende Harmonisierung. So wird garantiert, dass sich alle Projektpartner auf derselben Basis verständigen. Knackpunkt bei der Realisierung der schaltschranklosen Fabrik ist die Materialflusssteuerung, sie muss in der Lage sein, schnell und zuverlässig die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ist eine Prozessreaktionszeit < 20 ms gewährleistet, gelingt ein neuer Ansatz: „Die Steuerungslogik wandert aus dem Schaltschrank zur Physik“. Der Materialflussrechner kann jetzt direkt über Industrial Ethernet (TCP/IP) mit den Conveyor-Elementen im Lager verbunden werden, wenn jedes Conveyor-Element seine eigene Facility Control besitzt. Durch den gesetzlich vorgeschriebenen Einsatz von Energiesparmotoren seit 2011 ist die Integration der Facility Control in die Antriebssteuerung ein logischer Schritt.

Prof. Dr. Frank Thomas

Prof. Dr. Frank Thomas, Gründer und Berater der DR. THOMAS + PARTNER GmbH & Co. KG

Welches Potenzial sehen Sie in dieser Entwicklung?

Überträgt man diese Idee in die Praxis, ist es leicht vorstellbar, welches Potenzial sich dahinter verbirgt. Im Schaltschrank bleibt letztlich nur noch die Energieeinspeisung übrig. Ein ganz großer Vorteil dabei: es findet keine doppelte Datenhaltung mehr statt. Die komplette Informationsverwaltung liegt nun im Warehouse Management System und dem integrierten Materialflussrechner.

Wie stellen Sie sich die Intralogistik der Zukunft vor?

Das Ziel wird es sein, höchste Flexibilität trotz weitreichender Standardisierung zu erreichen. Die Förderelemente können direkt beim Hersteller gefertigt und getestet werden, INKLUSIVE der Facility Control, so erklärt sich die Bedeutung des Satzes „Die Steuerungslogik wandert aus dem Schaltschrank zur Physik“. Die Montage und Inbetriebnahme beim Kunden ist dann nur noch die Kür, da die Elemente auf Grundlage des SAIL-Standards gefertigt und bereits getestet sind. Sie können jetzt problemlos vor Ort installiert und über TCP/IP mit dem Materialflussrechner verknüpft werden. Auch nach der Erstinstallation können so Förderelemente und Lagerleistung umgehend und komplikationslos den aktuellen Marktanforderungen angepasst werden. Komplexe und starre Förderanlagen mit aufwendigen SPS-Steuerungen könnten dann schon in absehbarer Zukunft der Vergangenheit angehören. Erste Versuchsaufbauten in der Industrie bestätigen die Machbarkeit und die Effizienz dieses neuen Ansatzes.

 

Teaserbild: Cybrain – Fotolia.com