Der Begriff „Parametrierbarer Standard“ ist derzeit ein Marketingnarrativ vieler Intralogistik- bzw. WMS-Anbieter. Das Konzept soll das Beste aus zwei Welten suggerieren: Stabilität durch Standardisierung und Flexibilität durch Anpassbarkeit.

Doch hinterfragt man den die beiden durchaus widersprüchlichen Begriffsbestandteile kritisch stellen sich folgende zentrale Fragen:

  • Wie weit reicht diese Flexibilität tatsächlich – und wo endet sie?
  • Und warum möchte ‚Standard‘ überhaupt individualisierbar herüberkommen?

Parametrierbarer Standard: Spiel mit Widerspruch

Warehouse Management Systeme anpassbar zu gestalten und mit Aspekten der Konfigurierbarkeit auszustatten, ist sinnvoll. Kein Unternehmen würde diesem Gedanken mehr zustimmen als TUP. Doch putzt sich ein Standard plötzlich als konfigurierbar heraus, kommt es schnell zu Missverständnissen.

Es entsteht eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität. Denn ‚Parametrierbarkeit‘ vermittelt den Eindruck, als ließe sich ein solches Warehouse Management System frei an individuelle Anforderungen anpassen. Konträr dazu steht mit dem Standard aber – mit Wortlaut aus dem Duden – etwas, wonach sich anderes richtet. Die zugrunde liegende Struktur eines solchen WMS bleibt unverändert – Standard eben. Die angepriesenen Anpassungsmöglichkeiten sind vorgezeichnet. Sie eröffnen Spielräume, aber eben nur innerhalb klar vordefinierter Grenzen. Was sich in dem Oxymoron „Parametrierbarer Standard“ als Flexibilität präsentiert, muss in Wahrheit eher als die Konfiguration von Grenzen erkannt werden. Oder anders beleuchtet: Was nicht für die Breite vorgesehen ist, lässt sich auch nicht parametrisieren.

Die eigentliche Grenze liegt tiefer

Parametrisierung bedeutet, vorhandene Stellschrauben zu nutzen. Sie kann sinnvoll sein, um bekannte Abläufe zu variieren oder innerhalb bestehender Logiken zu optimieren. Parameter definieren beispielsweise Reihenfolgen, Prioritäten, Strategien innerhalb bekannter Muster. Doch sie greifen dort zu kurz, wo Prozesse selbst zum Differenzierungsfaktor werden.

Menschen, Organisation, Kultur und physischen Restriktionen, das sind die wirklichen Faktoren, die den Prozessen in realen Intralogistiksystemen zugrunde liegen. Die Abbildung solcher unternehmensspezifischer Abläufe, die nahezu immer außerhalb standardisierter Muster liegen, können generische Parameter kaum leisten. Doch genau dort entsteht in der Intralogistik der Unterschied. Denn Unternehmen unterscheiden sich vor allem durch die Art, wie sie ihre Prozesse gestalten – sei es im Wareneingang, in der Kommissionierung oder in der Steuerung komplexer Materialflüsse. Ja: Parameter können hier zwar vorgesehen werden, und hilfreich wirken. Aber nein: Wenn die Abläufe selbst den Unterschied machen, reicht Konfiguration eben nicht aus. Relevante Wettbewerbsvorteile entstehen auf Prozessebene – nicht auf Parameterebene.

Parametrisierung ist nicht gleich Anpassung

Solange sich Anforderungen innerhalb des standardisierten Rahmens bewegen, funktioniert das Prinzip der Parametrisierung. Doch sobald Prozesse davon abweichen und echte individuelle Anforderungen gewünscht sind, werden die Grenzen sichtbar:

  • Anpassungen werden komplex
  • Umsetzungen dauern lange
  • Kosten steigen enorm

Die Konsequenz ist häufig eine Verschiebung: Nicht das System passt sich dem Prozess an. Sondern der Prozess an das System – und verbiegt dabei die Arbeitsweise des Unternehmens vorbei am idealen, produktivitätssteigernden Lagerbetrieb. Die vermittelte Flexibilität findet dort ein jähes Ende, wo sie im Standard nicht vorgesehen ist.

Wenn Flexibilität wirklich zählt

Unvorhergesehene Ereignisse sind kein Ausnahmefall, sondern Realität. Die letzten Jahre haben eindrücklich gezeigt, wie schnell sich Rahmenbedingungen verändern können. Globale Krisen, volatile Lieferketten und kurzfristige Nachfrageverschiebungen sind längst keine Ausnahme mehr.

Die Fähigkeit von Unternehmen, kurzfristig zu reagieren, Prozesse schnell und gezielt anzupassen, trägt maßgeblich zu deren Resilienz bei. Gerade in der Logistik.

In solchen Situationen reicht es nicht aus, auf vordefinierte Optionen zurückzugreifen.
Systeme, die primär auf vorgezeichneten Möglichkeiten basieren, geraten hier naturgemäß an ihre Grenzen. Denn unvorhergesehene Anforderungen lassen sich nicht parametrisieren – sie müssen neu gedacht und in entsprechender Tiefe umgesetzt werden.

Parametrierbarkeit vs. Permanenter Retrofit

Erreicht ein Lagerbetreiber den Punkt, an dem zusätzliche Parameter für den ‚parametrierbaren Standard‘ gewünscht werden, also Prozesse per se Veränderung erhalten sollen, wird es nicht nur teuer. Denn jede Sonderparametrierung im Standardprozess erodiert auch die Vorteile des Standardsystems. So sehr, dass der Kunde ab einem gewissen Grad an Parametrierung zwar die Aufwände eines Individualsystems erreicht, jedoch keines dessen Vorteile genießt.

Vergleichen lässt sich eine solche Situation mit dem Bild des Anbaus eines bzw. mehrerer Balkone an ein Gebäude: Jede Sonderparametrierung ist ein Balkon. Ein Balkon ist nachträglich angebaut, nicht organisch gewachsen. Er folgt eigenen Regeln, die nicht zum Hauptgebäude passen. Die statischen Eigenheiten, die für Wartung notwendig sind, kennt nur der Erbauer und bei einem Umbau des Hauses, also einer neuen Version, ist er das erste Hindernis. Der ursprünglich lockende Standard entpuppt sich bei wachsenden Ansprüchen demnach als wenig mehr als eine Illusion.

Dem gegenüber steht der Gedanke des permanenten Retrofits. Strukturelle Weiterentwicklung von innen heraus – Veränderung im Kern, nicht am Rand. Sonst tendiert eine solche Maßnahme nur dazu, den nächsten Balkon oder sogar eine Reihe solcher zu provozieren. Logik sollte in der Architektur eines Systems verortet sein, nicht in zusätzlich angebrachten Konfigurationsschaltern. Wenn die Evolution eines WMS zudem jederzeit und ohne Version stattfinden kann, bewahrt dies Anwender nicht nur davor, in eine Legacy-Falle zu treten, bei der eine Version teuer erkaufte Balkonanbauten hat, die mit der Folgeversion nicht mehr kompatibel wären. Der zeitnahen Verankerung einer solchen neuen Prozesslogik steht auch zeitlich nichts im Wege.

Change als Normalzustand verstehen

Ein Systemansatz beweist sich nicht im Vertrieb – sondern im Einsatz. TUP blickt auf über 45 Jahre Unternehmensgeschichte zurück, geprägt von unterschiedlichsten wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen. In dieser Zeit hat sich immer wieder gezeigt, dass ein konsequent individualisierter Ansatz nicht nur tragfähig ist, sondern gerade in dynamischen und unsicheren Phasen seine Stärke entfaltet.

Das zugrunde liegende Prinzip ist dabei seit jeher unverändert:
Software follows function. Diese Haltung hat es ermöglicht, auf neue Anforderungen schnell zu reagieren, bestehende Systeme kontinuierlich weiterzuentwickeln und auch in herausfordernden Zeiten handlungsfähig zu bleiben. Anpassungsfähigkeit ist damit kein abstraktes Versprechen, sondern ein über Jahrzehnte erprobter Bestandteil von Systemlogik und Unternehmenskultur.

Langlebigkeit statt Austauschzyklen

Ein weiterer Aspekt wird häufig unterschätzt: die langfristige Perspektive.

Viele standardisierte Systeme folgen einem klassischen Lebenszyklus. Nach einigen Jahren erreichen sie funktionale oder technologische Grenzen, die umfangreiche Migrationen oder sogar einen vollständigen Systemwechsel erforderlich machen.

Dem gegenüber stehen Systeme, die nicht auf festen Grenzen basieren, sondern kontinuierlich weiterentwickelt werden:

  • funktional erweiterbar
  • technologisch aktualisierbar
  • langfristig im Einsatz ohne „End of Lifetime“ (EOL)

So entstehen Lösungen, die nicht nach wenigen Jahren ersetzt werden müssen, sondern über Jahrzehnte hinweg nicht nur produktiv, sondern auch mit Blick auf den Markt effizient bleiben.

Fazit: Entscheidend ist, wo Flexibilität endet

Der Begriff „Parametrierbarer Standard“ beschreibt einen Ansatz, der durchaus für verschiedene Szenarien funktioniert. Insbesondere dort, wo Prozesse weitgehend einem bekannten Muster folgen. Doch überall dort, wo Unternehmen sich differenzieren, wo Prozesse bewusst anders gestaltet werden oder sich Rahmenbedingungen schnell ändern, werden seine Grenzen deutlich sichtbar. Dies trifft in besonderem Maße auf Unternehmen zu, wo Intralogistik und Fulfillment als integraler Bestandteil des Geschäftsmodells verstanden werden.

Am Ende geht es nicht um die Frage, ob ein System flexibel ist – sondern darum, wie weit diese Flexibilität tatsächlich reicht. Für Lagerbetreiber, die beim Versprechen von Anpassbarkeit aufhorchen, sollte auch immer von zentraler Wichtigkeit sein, zu erfahren, was ein System wirklich zulässt.

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