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Die 25. Vision-Days in München – ein Blick in die Industrie-4.0-Glaskugel

Es waren die 25. Vision-Days in München, veranstaltet von der Wassermann AG. Der Supply-Chain-Management-Kongress im „Hause der Bayerischen Wirtschaft“ ist ein Spagat zwischen einem Innovationsforum für die Branche und einer konstruktiven Netzwerkveranstaltung für SCM- und Logistikexperten. Dieses Konzept stößt augenscheinlich auf Anklang – mit knapp 200 Teilnehmern waren die Kapazitäten bis auf den letzten Platz ausgeschöpft.

„Wir sind besonders stolz darauf, dass wir in diesem Jahr einen großen Zuwachs an Teilnehmern verzeichnen durften, die nicht unserem Kundennetzwerk entspringen. Das spricht für die Qualität der Veranstaltung und dafür, dass die Thematik einen Nerv trifft,“ so Martin Hofer, Vorstand der Wassermann AG.

Erstmals war in diesem Jahr die DR. THOMAS + PARTNER GmbH & Co. KG (TUP) aus Karlsruhe als Partnerunternehmen in die Veranstaltung involviert und mit einer kleinen badischen Delegation vor Ort. Ergänzend zur SCM-Thematik hatten Sponsoring-Partner aus angrenzenden Kompetenzfeldern die Möglichkeit, sich mit einem Stand im Foyer zu präsentieren und das Know-how-Spektrum der Tagung abzurunden. Eine schöne Gelegenheit für TUP, ein wenig über den Tellerrand zu schauen und in diesem Zuge den neuen mobilen Messestand in seinem ersten offiziellen Einsatz bestehen zu lassen.

Martin Hofer eröffnete den Kongress futuristisch im Stil des Science-Fiction-Klassikers „Matrix“, um anschließend zum eigentlichen Motto „Planung. Produktion. Logistik 4.0“ überzuleiten. Er stellte heraus, dass Industrie 4.0 kein weiteres Buzzword, sondern ein evolutionärer Weg ist, mit dem sich mittelfristig jedes produzierende oder transportierende Gewerbe auseinandersetzen muss, will man im internationalen Wettbewerb nicht abgehängt werden.

Hofer übergab das Mikrofon anschließend an eine Reihe hochkarätiger Vortragender, das Programm wurde ab jetzt moderiert von Ulf Meckbach. Den Anfang machte Johann Soder, der technische Geschäftsführer von SEW-EURODRIVE. Betitelt mit „Der Industrie 4.0 auf der Spur“ beleuchteten die Ausführungen Soders auf eindrucksvolle Weise, welche technischen Möglichkeiten sich aus der Vernetzung von Werkzeug, Werkstück und Intralogistik ergeben können. Das Familienunternehmen aus Bruchsal, das mittlerweile über 16.300 Mitarbeiter beschäftigt und ca. 2,7 Mrd. Jahresumsatz generiert, geht dabei in vielerlei Hinsicht neue Wege. In Graben-Neudorf wurde eine umfangreiche Industrie 4.0-Versuchswelt geschaffen, deren positive Ergebnisse zunehmend in den eigenen Produktivbetrieb integriert werden, in Zukunft sogar teilweise in das Produktportfolio aufgenommen werden sollen. Das aber vielleicht Beeindruckendste an diesem Vortrag: Die Energie, mit der Soder hinter seinen Vorhaben steht. Jedem im Raum war klar, dass dieser Mann sich niemals mit dem Status quo zufrieden geben und jeder, der das von ihm verlangt, nicht viel zu lachen haben wird – mit Vollgas in Richtung Zukunft. Werksleiter des Großgetriebewerks, Claus-Peter Sieber, untermauerte anschließend die Machbarkeit von Industrie 4.0 bei SEW mit Praxisbeispielen.

Spannende Einblicke in das SCM im Automotive-Bereich gab Hans Gerl, Leiter der Versorgungssicherung bei der BMW-Group. Er referierte über die Herausforderungen einer internationalen Supply Chain mit 4.500 Lieferanten, die täglich 26,5 Millionen Teile just-in-time und just-in-sequence zur Verfügung stellen müssen. Der passende Titel „Versorgungssicherung im Spannungsfeld von Flexibilität und Stabilität“ stand auch gleichzeitig für die Quintessenz des Redners: „Auf die Mischung aus Flexibilität und Stabilität kommt es an, entscheidend für den Erfolg dabei ist aber der Einklang zwischen den Prozessen und den Menschen.“

Christian Loipeldinger, Head of Production – and Logistics Strategy der Krones AG, ging detaillierter auf die Industrie-4.0-Bemühungen im Bereich der Logistik und Intralogistik ein. Der Hersteller von Großanlagen zur Befüllung von Flaschen (laut Loipeldinger wird jede fünfte Flasche weltweit mit einer Krones-Anlage befüllt) traut sich hierbei auch neue Wege zu gehen, z.B. mit einer Versuchsanlage zur Ersatzteilkommissionierung auf Pick-by-Motion-Basis. Bei diesem Pilotprojekt kann der Kommissionierer auf externe Geräte wie MDE verzichten, alle Interaktionen mit dem Lagerverwaltungssystem geschehen über eine visuelle Schnittstelle via Gestensteuerung über die Hardware von Microsoft Kinect.

Die hochkarätige Podiumsdiskusion

Die hochkarätige Podiumsdiskusion

Jetzt hieß es Ring frei für eine Podiumsdiskussion rund um die Machbarkeit von Industrie 4.0 in der industriellen Wirklichkeit. Neben Soder, Loipeldinger und Hofer waren noch Axel Flechtenmacher, Director Global Planning & Logistics der KUKA Roboter GmbH sowie Dr. Winfried Felser, Geschäftsführer der Competence Site mit von der Partie.
Wie schon in seinem Vortrag definierte Soder das Lean Management und die damit verbundene Entschlackung der Prozesse als Grundvoraussetzung für alle Industrie 4.0-Bemühungen. Beides seien aber Voraussetzungen für eine zukünftige internationale Wettbewerbsfähigkeit und für das Meistern der demographischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Hofer knüpfte daran an und propagierte zusätzlich eine internationale Standardisierung von Prozessen und Schnittstellen. Einigkeit bestand darin, dass nicht gewartet werden darf, bis international etwas passiert, sondern bereits heute lokal im Kleinen angefangen werden müsse. Loipeldinger warnte vor einer lähmenden Bürokratisierung und pochte eher auf schneller umsetzbare politische und strukturelle Rahmenbedingungen. Dr. Winfried Felser ging sogar noch einen Schritt weiter; die Industrie solle sich lösen von dem Begriff Industrie 4.0. Stattdessen solle diese ganze Entwicklung besser unter einen neutralen Oberbegriff wie „Zukunft“ gestellt werden, da derartige Modewörter, wie beispielsweise auch „Web 2.0“, irgendwann abgedroschen seien und nicht mehr ernst genommen würden. Dass in Zukunft mit Hilfe von Robotik eine enorme Verbesserung der Arbeitsqualität im Hinblick auf Ergonomie und Arbeitsbedingungen möglich sein wird, daran ließ Axel Flechtenmacher keinen Zweifel und wurde durch Praxisberichte von SEW bestärkt.

Philipp Kannenberg über die Herausforderungen des E-Commerce

Philipp Kannenberg über die Herausforderungen des E-Commerce

Aufgeteilt in drei Fachforen zu den Themen Kostenmanagement, E-Commerce, und Projekt-Controlling wurde der Kongress jetzt parallel fortgeführt. Philipp Kannenberg, Mitglied der Geschäftsleitung der gaxsys GmbH aus Karlsruhe, nutzte die Möglichkeit, einen emotionalen und optisch herausragenden Vortrag zu den aktuellen Herausforderungen des E-Commerce und der damit verbundenen Transportwege zu präsentieren. Die lebhafte Diskussion im Anschluss war Beweis genug, dass diese Thematik auch im Rahmen des SCM einen Nerv getroffen zu haben schien, nicht zuletzt weil auch mehrere Sprecher der Podiumsdiskussion anwesend waren und eifrig mitdiskutierten.

Den letzten Themenblock des Tages füllten zum einen Dr. Peter Pretzsch, Geschäftsführer der Viking GmbH mit seinem Vortrag über die „ Optimale Lieferfähigkeit und Bestandsgrößen im Bereich Supply Chain“ und zum anderen die beiden Coaches Dr. Dietmar Straub und Dr. Frank Kuhnecke. Ihr Thema war „Das Zugvogel-Prinzip: Notwendige Veränderungen erkennen und gemeinsam umsetzen“.

Aus TUP-Sicht kann das Engagement bei den Wassermann-Vision-Days als sehr fruchtbar bezeichnet werden. „Es war eine tolle Atmosphäre mit sehr hochkarätigen Gästen. Auch wenn bei uns in der Intralogistik das Thema SCM nur eine Facette von vielen ist, hatten wir bei uns am Stand doch einige gute Gespräche und konnten nebenbei beim Kongress unseren Horizont erweitern“ so Frank Obschonka, Vertriebsleiter bei TUP.

Die abschließende Erkenntnis: die Wassermann AG hat mit den Vision-Days ein Forum etabliert, das auch fernab der Wassermann-Welt von Interesse ist und hochkarätige Vorträge zu bieten hat.

Sicher werden nicht alle vorgestellten Projekte und Visionen die Kollision mit der industriellen Wirklichkeit unbeschadet überstehen, dennoch bieten sie in jedem Fall interessante Denkansätze und einen Blick auf vieles, was uns in Zukunft erwarten könnte.


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